Messen sind tot. Es lebe das Abendessen.
Ich gestehe: Ich war auf mehr Messen, als mir lieb ist.…
Ich gestehe: Ich war auf mehr Messen, als mir lieb ist. Ich habe an Ständen gestanden, Kataloge geschleppt, Kugelschreiber verteilt und abends in Hotelbars über Kontakte geredet, die sich am Montag als Studenten mit Tütensammel-Leidenschaft herausgestellt haben. Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt, die jeder Controller schon lange stellt: Was bringt das eigentlich?
Die ehrliche Antwort ist unangenehm. Eine Messe ist heute zu großen Teilen eine Veranstaltung, auf der sich Aussteller gegenseitig besuchen. Die Neuheiten kennt jeder vorher aus dem Netz, und der Fachhändler, mit dem man eigentlich reden wollte, steht gerade am Nachbarstand – oder hat es wegen Personalmangel gar nicht erst geschafft. Man bezahlt Standfläche, Messebau, Hotels zu Messepreisen und drei Tage ohne Vertrieb im Büro. Und fährt mit einem Stapel Visitenkarten nach Hause, bei denen man sich bei einem Drittel fragt, warum einem die Karte überhaupt gegeben wurde.
Rechnen wir mit Beispielzahlen: Ein kleiner Stand mit allem Drum und Dran kostet schnell 25.000 Euro. Kommen dabei hundert echte Gespräche heraus, sind das 250 Euro pro Gespräch – und viele davon dauern vier Minuten und enden mit »Schicken Sie mir mal was«. Für dasselbe Geld lädst Du hundert Partner zu einem wirklich guten Abendessen ein. Zwei Stunden, ohne Nachbarstand, ohne Lautsprecherdurchsage, ohne Kugelschreiber. Welches der beiden Gespräche hast Du in einem Jahr noch im Kopf? Eben.
Jetzt der unbequeme Teil, und er trifft auch mich: Ganz tot sind Messen nicht. Hersteller brauchen die große Bühne, und manche Kontakte entstehen tatsächlich nur, weil zwei Menschen zufällig am selben Kaffeeautomaten stehen. Wer komplett verschwindet, fällt auch auf – nur nicht positiv. Ich sage also nicht: Geh nicht mehr hin. Ich sage: Hör auf, eine Messe für Vertrieb zu halten. Sie ist Sichtbarkeit. Vertrieb passiert woanders.
Wo? Da, wo man sich Zeit nimmt. Ich habe schon geschrieben, dass mich eine Folie mit vierzig Diagrammen nicht überzeugt – ein Messestand ist im Grunde dieselbe Folie, nur begehbar. Was überzeugt, ist ein Gespräch, in dem jemand zuhört, nachfragt und sich merkt, dass Deine Tochter gerade ihr Abitur gemacht hat. Das gelingt an einem gedeckten Tisch deutlich besser als an einem Stehtisch mit Stretchhusse.
Wer uns kennt, weiß, dass wir für solche Abende einen Ort haben, an dem es ziemlich gut riecht. Aber das Prinzip funktioniert überall: im Restaurant um die Ecke, beim Grillabend nach der Schulung, beim Frühstück vor dem Projektstart. Entscheidend ist nicht der Ort, sondern die Rechnung dahinter: weniger Kontakte, dafür echte. Zehn Partner, die nach einem Abend wissen, wer Du bist, sind mehr wert als zweihundert Visitenkarten, die nach drei Wochen im Altpapier liegen.
Ich werde also weiter auf Messen gehen. Aber mit leichtem Gepäck statt vollem Katalog – und mit einer kurzen Liste von Leuten, die ich danach zum Essen einlade.
Denn merke: »Auf der Messe sammelst Du Visitenkarten. Am Tisch sammelst Du Partner.«